Da sie für den Euroraum unerwartet hohe Inflationsrisiken sieht, geht Volkswirtin Beth Beckett davon aus, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis die Politik der Europäischen Zentralbank wieder straffer wird, und rechnet mit einer Zinserhöhung Ende 2026.
Dann läge der Leitzins im Euroraum immer noch innerhalb der neutralen Spanne, wäre also weder eine große Belastung noch eine große Hilfe für die Wirtschaft.
Aber eine straffere Geldpolitik ist nicht der Konsens (der Markt geht von stabilen Leitzinsen aus), und angesichts der Erwartung des Capital Strategy Research Team von Capital Group, dass die Federal Reserve ihre Zinsen in diesem Jahr senken wird, erscheint die Prognose steigender Euroraum-Zinsen seltsam.
Beckett hält die letzte Inflationsprognose der EZB für sehr optimistisch. Sie rechnet mit einem allmählichen Rückgang der jährlichen Gesamt- und Kernteuerung in den nächsten zwei Jahren, also bis 2027, auf 1,8% und 1,9% zum Vorjahr. Die Bloomberg-Konsenserwartungen sind sogar noch besser: Sowohl die Gesamt- als auch die Kerninflation dürften demnach bis 2027 das 2%-Ziel der EZB erreichen.
Aus ihrer Sicht sind die Prognosen zu optimistisch. Sie ist der Ansicht, dass die EZB und die meisten Auguren die Hartnäckigkeit der Inflation und das Risiko erneuten Preisdrucks unterschätzen.
Beckett meint, dass die strukturellen Risiken durch den Anstieg der Inlandsnachfrage bei zugleich begrenztem Angebot entstehen.
Für Letzteres gibt es zwei Ursachen: erstens den schwächeren Anstieg der verfügbaren Arbeitskräfte aufgrund der Alterung und der strengeren Einwanderungspolitik. Die Arbeitsmärkte sind also trotz einer eher schwachen Wirtschaft eng. Die Euroraum-Arbeitslosenquote liegt seit Anfang 2024 nahe ihrem Allzeittief. Zweitens stören weltpolitische Schocks den Handel und sorgen für höhere Faktorpreise. Beispielsweise sind die Energiepreise in der EU nach der russischen Invasion in die Ukraine stetig gestiegen.
Zusammen bremsen diese beiden Faktoren die Fähigkeit der Wirtschaft, sich an schnelleres Wachstum anzupassen, ohne dass die Teuerung zunimmt.
Zugleich wird die Nachfrage durch eine expansivere Haushaltspolitik beflügelt. Die EU-Regierungen versuchen die jahrzehntelang zu niedrigen Infrastruktur- und Verteidigungsinvestitionen aufzuholen. Die Staatsausgaben steigen, was höhere Haushaltsdefizite zur Folge hat. Angefangen hat dies in Südeuropa mit dem Wiederaufbaufonds. Mit dem massiven Ausgabenprogramm in Deutschland wandert das Phänomen jetzt nach Norden.
Und die Haushaltspolitik ist nicht nur in der EU locker. Die Erwartungen, dass Regierungen weltweit ihre Ausgaben im Jahr 2026 in den Griff bekommen würden, haben sich als zu optimistisch erwiesen. Der IWF hat seine Prognosen zu den Haushaltsdefiziten der am meisten entwickelten Länder gegenüber dem letzten Jahr angehoben (siehe Abbildung).