Wahlen Die US-Zwischenwahlen könnten knapper ausfallen als erwartet

Die US-Zwischenwahlen stehen kurz bevor, und ich werde mehrmals täglich von Kollegen, Kunden und Freunden gefragt, wie dieses entscheidende Rennen wohl ausgehen wird. Politische Analysen und Research für das Investmentteam von Capital Group sind meine Aufgabe – mit Schwerpunkt auf Analyse, nicht etwa auf Meinungsmache, wie ich gerne betone.

 

In diesem Sinne folgen hier drei Erkenntnisse im Vorfeld des kurz bevorstehenden Wahltages. Politik ist keine exakte Wissenschaft, aber ich wage eine Prognose dessen, was uns erwartet und was es für Investoren bedeuten könnte.

 

1. Die Demokraten gewinnen die Mehrheit im Repräsentantenhaus, aber eine „blaue Welle“ dürfte ausbleiben

 

Im Gegensatz zum immer populäreren Narrativ in den Nachrichten gehe ich nicht davon aus, dass die Demokraten überall im Land einen klaren Sieg davontragen werden. Ich erwarte einen erheblich knapperen Ausgang. Wenn alle Stimmen ausgezählt sind, dürften die Demokraten wieder eine knappe Mehrheit im Repräsentantenhaus haben. Zugleich gehe ich aber davon aus, dass die Republikaner im Senat ihre Mehrheit behalten.

Wird sich das Blatt im Repräsentantenhaus wenden?

Eine Reihe von Punkten, die in einem Halbkreis angeordnet sind, geben die aktuelle Sitzverteilung im US-Repräsentantenhaus wieder. Dunklere Punkte zeigen, für wie viele Sitze Demokraten und Republikaner in hart umkämpften Wahlkreisen antreten.

Quellen: Capital Group, 270toWin, Office of the Clerk of the US House of Representatives. "Kopf-an-Kopf"-Rennen bei den Repräsentantenhauswahlen 2026 gemäß Definition in der Konsensprognose von 270toWin, einer Kombination mehrerer unabhängiger Prognosen. Ein Punkt auf der Seite der Republikaner steht für ein unabhängiges Kongressmitglied, das mit den Republikanern stimmt. Stand 15. Oktober 2026 (aktuellste verfügbare Daten).

Aus meiner Sicht gibt es diesmal weniger Kopf-an-Kopf-Rennen als bei früheren Wahlen. Aufgrund parteipolitischer Wahlkreisanpassungen wurden die Grenzen der Wahlkreise neu definiert, sodass es mittlerweile weniger als 20 stark umkämpfte Kreise gibt. Die große Mehrheit der 435 Sitze im Repräsentantenhaus fällt ziemlich sicher an einen demokratischen (blauen) oder republikanischen (roten) Kandidaten.

 

Dies bedeutet, dass die regierende Partei – zurzeit die Republikaner – vermutlich nicht so viele Sitze verlieren werden wie in der Vergangenheit üblich. Erdrutschsiege, bei denen die Oppositionspartei 40 bis 60 Sitze hinzugewinnt, sind heute viel schwieriger zu erringen. Zuletzt gab es das während der ersten Amtszeit von Präsident Trump. Davor machte der Sieg der Demokraten während der ersten Amtszeit Clintons im Jahr 1994 Schlagzeilen. Bis zum nächsten Erdrutschsieg könnte es durchaus viele Jahre dauern.

 

Ein Vorsprung der Demokraten von 20 Sitzen im Repräsentantenhaus würde als enormer Sieg gelten. Ich gehe von einer kleineren Mehrheit der Demokraten aus – einer Handvoll Sitze vielleicht. Dann wäre es schwieriger, Gesetze durchzubringen, weil schon einige wenige Repräsentanten den Prozess stören können. Das mussten die Republikaner mit ihrer knappen Mehrheit in den letzten zwei Jahren lernen.

Bei den Zwischenwahlen verliert die Partei des Präsidenten in der Regel Sitze

Quellen: Capital Group, University of California, Santa Barbara: The American Presidency Project, Stand 31. Dezember 2025

Mit dem Senat gilt es eine härtere Nuss zu knacken. Regierende Kandidaten sind besser etabliert, und die besseren Möglichkeiten zur Beschaffung finanzieller Mittel könnten den Republikanern helfen, umkämpfte Sitze unter anderem in Maine, Texas und Michigan zu behalten. Anfang des Jahres war ein möglicher Mehrheitswechsel im Senat noch nicht einmal Thema. Aber durch den Irankrieg, steigende Energiepreise und die hohe Inflation hat sich das geändert, weil die Zustimmungsquoten von Präsident Trump deutlich gefallen sind. Vielen Umfragen zufolge ist die Mehrheit im Senat jetzt umstritten. Jede der beiden Parteien könnte sie gewinnen. Ich traue diesen Prognosen nicht besonders. Selbst die renommiertesten Meinungsforschungsinstitute lagen in den letzten Jahren mitunter eklatant daneben. Am Ende dürften die Republikaner aus meiner Sicht den Sieg davontragen und eine hauchdünne Mehrheit im Senat behalten.

 

2. Die Lage der privaten Haushalte wird diese Wahl entscheiden

 

Die Kaufkraftkrise, die enorme Inflation, die hohen Lebenshaltungskosten – nennen Sie es, wie Sie wollen –, der Preisanstieg für nahezu alles ist das wichtigste Thema im Vorfeld der Wahlen. Es ist das gleiche Thema, aufgrund dessen die Demokraten 2024 die Wahl verloren haben. Die Wähler sind wütend über die steigenden Konsumpreise und verleihen ihrem Ärger an den Wahlurnen Ausdruck.

 

Die republikanischen Kandidaten sind frustriert. Sie argumentieren, dass die Inflation während der Amtszeit von Präsident Biden auf über 9% gestiegen und heute mit gut 3,7% deutlich niedriger sei. Aber die amerikanischen Verbraucher sehen das anders. Nicht die annualisierte Inflationsrate, sondern die kumulierten Kostensteigerungen in den letzten Jahren verärgern die Wähler. Seit 2021 sind die Preise der für die Mittelschicht wichtigsten Produkte um mindestens 30% gestiegen, beispielsweise für Lebensmittel, Energie und Benzin. Trump hat sein Amt angetreten, um dieses Problem zu lösen, aber aus Sicht der Wähler ist es noch schlimmer geworden, weil die Preise wegen des Irankriegs und der Zölle weiter gestiegen sind – wenn auch weniger schnell.

Kumulierte Verbraucherpreisinflation von über 30%

Quellen: Capital Group, Federal Reserve Bank of St. Louis, U.S. Bureau of Labor Statistics. 2026 (lfd. Jahr) Stand 30. September 2026. Inflation gemessen am Consumer Price Index for All Urban Consumers: All Items in U.S. City Average, nicht saisonbereinigt.

Quasi alle Demokraten, die sich jetzt zur Wahl stellen, haben die Kaufkraftkrise in Debatten, Wahlkampfreden und politischen Werbespots zu ihrem wichtigsten Thema gemacht. Die weit verbreitete Frustration über den Irankrieg und die steigenden Preise könnte zu einer geringeren Wahlbeteiligung unter den republikanischen Wählern führen. Wenn die Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus verlieren, dann deshalb. Auch in Zukunft könnte es ein Thema bleiben. Wenn die Wähler das Gefühl haben, dass die Inflation gar nicht zurückgeht, werden sie vermutlich einen Wechsel an der politischen Spitze wollen – unabhängig davon, wer gerade regiert.

 

3. Die Folge wird ein politischer Stillstand sein – und viel Politiktheater

 

Wenn ich recht habe und die Demokraten wieder die Kontrolle über das Repräsentantenhaus übernehmen, haben wir einen Stillstand im Kongress. Die Regierung wird gespalten sein. Der Kongress wird auf gesetzgeberischer Ebene in den nächsten zwei Jahren wenig bewegen können. Dann dürfte es auch zu Auseinandersetzungen um die Schuldenobergrenze und den Haushalt kommen, was die Märkte vorübergehend verunsichern würde.

 

Aber in einigen Bereichen ist auch eine Zusammenarbeit der beiden Parteien möglich. Beispielsweise haben beide versucht, mehr Wohnraum zu schaffen und die Arzneimittelpreise zu begrenzen. Kompromisse sind auch bei staatlichen Förderprogrammen im Rahmen des Affordable Care Act möglich. Sie sind letztes Jahr ausgelaufen und nicht verlängert worden, sodass für viele Menschen die Krankenversicherungsprämien gestiegen sind. Die Demokraten haben sich auf die Fahne geschrieben, sie wieder aufzunehmen, und die Republikaner gehen vielleicht mit – wenn auch nur, um diesen Makel für die Wahlen 2028 loszuwerden. Außerdem sind in beiden Parteien kritische Stimmen gegen den unbeschränkten Bau von KI-Rechenzentren laut geworden. Dieses Thema könnte im kommenden Jahr eine wichtigere Rolle spielen.

 

Darüber hinaus ist auch mit dem üblichen politischen Feuerwerk zu rechnen. Wenn der neue Kongress im Januar zusammentritt, dürften die Demokraten im Repräsentantenhaus unverzüglich Ermittlungen gegen Trump, dessen Familie und verschiedene Mitglieder der Trump-Regierung einleiten. Vermutlich wird es ein erneutes Amtsenthebungsverfahren gegen Trump geben. Der Senat wird dem natürlich nicht stattgeben, aber das politische Theater könnte die letzten beiden Jahre der Präsidentschaft Trumps andauern.

 

Die gute Nachricht für Investoren ist, dass US-Aktien in der Regel steigen, wenn die Unsicherheit im Vorfeld von Zwischenwahlen vorbei ist. Seit 1950 hat der S&P 500 Index in den zwölf Monaten nach Zwischenwahlen im Durchschnitt um 15% zugelegt. In diesem Jahr ist der S&P bereits um etwa 12% zum Vorjahr gestiegen (Stand 19. Oktober 2026). Das bedeutet nicht, dass er nicht irgendwann wieder fallen wird, aber schon jetzt hat er seit Jahresanfang trotz des unvorhersehbaren Wahlausgangs deutliche Gewinne verzeichnet.

In der Vergangenheit sind Aktien im Jahr nach Zwischenwahlen immer gestiegen

Die Ergebnisse der Vergangenheit sind kein Hinweis auf künftige Ergebnisse.

Quellen: Capital Group, RIMES, S&P Global. Für die Berechnungen wird in allen Wahljahren der Wahltag als Anfangsdatum und in anderen Jahren der 5. November als Referenzdatum verwendet. In der Grafik werden nur Zwischenwahljahre angezeigt. Die Kurse verstehen sich ohne die Annahme einer Wiederanlage der Dividenden und anderer Ausschüttungen.

In der Vergangenheit hat eine gespaltene Regierung den US-Aktienerträgen nicht geschadet. Nach Analysen von Capital Group der langfristigen Investmentdaten von 1933 bis 2025 hatte die Zusammensetzung des Kongresses offenbar fast keinen Einfluss auf die Erträge. US-Aktien sind im Durchschnitt bei verschiedenen Regierungskonstellationen zweistellig gestiegen.

 

Dies ist eine wichtige Erinnerung daran, dass man sich nicht von politischen Bedenken von seinen langfristigen Investmentzielen ablenken lassen sollte. Wahlen und Politik im Allgemeinen können viel Aufregung, Unsicherheit und Angst verbreiten, wenn bestimmte bevorzugte Kandidaten verlieren. Zu wollen, dass der eigene Kandidat gewinnt, ist nicht falsch. Aber tatsächlich werden Investmenterträge langfristig von den Unternehmensgewinnen bestimmt und davon, wie die Marktteilnehmer deren Wert auf lange Sicht einschätzen. Investoren wären gut beraten, kurzfristige starke Schwankungen zu ignorieren und langfristig zu denken, unabhängig davon, wie sich die politische Lage entwickelt.

Matt Miller ist Politikökonom und hat 35 Jahre Investmenterfahrung (Stand 31. Dezember 2025). Er hat einen Abschluss in Rechtswissenschaften von der Columbia University und einen Bachelor von der Brown University.

Die Ergebnisse der Vergangenheit sind kein Hinweis auf künftige Ergebnisse. Man kann nicht direkt in einen Index investieren. Indizes sind keine gemanagten Produkte. Der Wert und Ertrag von Anlagen können schwanken, sodass Anleger ihr investiertes Kapital ganz oder teilweise verlieren können. Diese Informationen sind weder Anlage-, Steuer- oder sonstige Beratung noch eine Aufforderung, irgendein Wertpapier zu kaufen oder zu verkaufen.
 
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