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Investmentperspektiven der Capital Group

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Ausblick
Rob Lovelace über Allwetter-Anlagen
Rob Lovelace
Vice Chairperson und President

Die Welt hat sich verändert.


Wir befinden uns in einer entscheidenden Phase der Geschichte, die durch geopolitische Neuordnung, hohe Inflation, volatile Finanzmärkte und das Ende eines 40-jährigen Zeitraums rückläufiger Zinssätze gekennzeichnet ist. Der Titel dieser neuen Ära könnte „Brave New World“ oder „Back to the Future“ lauten. Der Titel, den ich allerdings wählen würde, lautet „Revenge of the Boomers“ (Die Rache der Boomer), weil viele dieser Ereignisse einen Bezug zur Vergangenheit haben, insbesondere zu den frühen 1960er Jahren. Damals erreichten die Zinssätze nach jahrzehntelangem Rückgang ihren Tiefpunkt, und es begann die Ära des Kalten Krieges, die leider in mancher Hinsicht wieder auflebt.


Trotz dieser Herausforderungen bleibe ich aus mehreren Gründen optimistisch, was das Investitionsklima angeht. Erstens gibt es immer noch Anzeichen für Wachstum, da sich die Weltwirtschaft von der Pandemie erholt. Zweitens glaube ich, dass in Zukunft nicht die Ausweitung der Multiplikatoren, sondern die Unternehmensgewinne die treibende Kraft der Aktienmärkte sein werden, und dies deutet auf eine willkommene Rückkehr zu den Fundamentaldaten hin. Die Multiplikatoren mussten schrumpfen, und genau das haben wir in den letzten Monaten gesehen.


Drittens glaube ich, dass wir in den nächsten ein bis zwei Jahren eine gesunde Rezession erleben werden. Ganz recht, eine gesunde Rezession. Trotz aller Befürchtungen sehe ich eine moderate Rezession als notwendig an, um die Exzesse des vergangenen Jahrzehnts auszugleichen. Eine so lange Wachstumsperiode ist nicht möglich ohne einen gelegentlichen Abschwung, der die Dinge wieder ins Gleichgewicht bringt. Es ist normal. Es ist zu erwarten. Es ist gesund.


In den letzten Monaten kam es an der Spitze des US-Marktes zu einem bedeutenden Wechsel

Quellen: Capital Group, FactSet, MSCI, Standard & Poor’s. MT FAANG repräsentiert die gesamte Kursentwicklung von Aktien von Microsoft, Tesla, Meta (Facebook), Amazon, Apple, Netflix und Alphabet (Google). Defensive Aktien erwirtschaften in der Regel relativ stabile Renditen, unabhängig von der Lage der Wirtschaft oder der Märkte insgesamt. Zyklische Aktien tendieren dazu, sich ungefähr im Einklang mit den wirtschaftlichen Wachstums- oder Kontraktionsphasen nach oben oder unten zu bewegen. Die Indexwerte spiegeln die Auswirkungen von Dividenden nicht wider. Daten mit Stand zum 30. April 2022.

Was dies für die Aktienmärkte bedeutet


Meines Erachtens stehen wir vor einer Phase echter Veränderungen, vor einem grundlegend anderen Markt, in dem sich eine andere Führungsriege durchsetzen wird. Dies steht in völligem Gegensatz zum Abschwung aufgrund von COVID-19 im Jahr 2020, der eigentlich nur eine vorübergehende Erscheinung in einer mehr als zehnjährigen Hausse war. Wir wissen das, weil dieselben Aktien, die den Hausse-Markt anführten – eine relativ kleine Gruppe von Technologieunternehmen – dies auch auf dem Weg zurück nach oben taten.


Bei einer echten Marktverschiebung ist die Führung nach einer Baisse in der Regel ein neuer Sektor oder eine neue Gruppe von Unternehmen. Und es ist nicht unbedingt dieselbe Gruppe, die den Weg nach unten angeführt hat. So haben beispielsweise Energietitel im aktuellen Umfeld eine bemerkenswerte Rallye hingelegt. Glaube ich, dass der Energiesektor den nächsten Bullenmarkt anführen wird? Nein, das glaube ich nicht.


Vor und nach einem Baisse-Markt sind die US-Marktführer selten dieselben

Quellen: Capital Group, MSCI, Refinitiv Datastream. Die Renditen entsprechen den absoluten Gesamtrenditen in US-Dollar. Die erfassten Zeiträume sind: die Technologieblase, 31. Dezember 1996 bis 31. Mai 2000 (vor der Baisse) und 30. September 2002 bis 30. Dezember 2005 (nach der Baisse); die globale Finanzkrise, 31. Dezember 2003 bis 28. September 2007 (davor) und 31. Mai 2009 bis 31. Dezember 2013 (danach); und der aktuelle Markt, 31. Dezember 2021 bis 31. Mai 2022.

Abgesehen davon würde ich die FAANG-Aktien (Facebook, Amazon, Apple, Netflix, Google) nicht abschreiben, doch ich denke, es wird ein ganz anderer Markt werden. Er wird nicht mehr von einer kleinen Gruppe von Aktien bestimmt werden. Er wird nicht mehr durch Wachstum versus Wert oder USA versus Rest der Welt gekennzeichnet sein. Diese binären Konzepte machen in diesem Umfeld keinen Sinn mehr. Ich denke, der Markt wird weniger eindimensional sein, und ich erwarte, dass eine breitere Mischung von Aktien uns aus diesem Abschwung herausführen wird.


Was dies für die Anleihemärkte bedeutet


Auch an den Anleihemärkten zeichnet sich mit dem Ende des 40-jährigen Abwärtstrends bei den Zinssätzen eine tiefgreifende Veränderung ab. Deutlich höhere Inflationsraten, wie sie seit den 1980er Jahren nicht mehr verzeichnet wurden, zwingen die US-Notenbank und andere Zentralbanken zu einer aggressiven Straffung der Geldpolitik. Die Fed liegt hinter der Kurve, was bedeutet, dass die Zinssätze von jetzt an wahrscheinlich steigen werden.


Das bedeutet jedoch nicht, dass wir zu einer extrem hohen Inflation und hohen Zinssätzen zurückkehren werden. Wir leben vielmehr seit Jahrzehnten in einem Umfeld sinkender Zinsen, das die Märkte in hohem Maße begünstigt hat. Das hat sich nun geändert. Wahrscheinlich werden die Zeiten in Zukunft schwieriger werden. Aber selbst bei diesem Gegenwind werden sich Chancen ergeben.


Ist dies das Ende eines 40-jährigen Zeitraums rückläufiger Zinsen?

Quellen: Capital Group, Refinitiv Datastream. Daten zum 23.06.2022.

Das ist ein Grund, warum ich diese Zeit gerne als „Rache der Boomer“ bezeichne, weil sie so sehr an die 1960er Jahre erinnert. Das Zinsniveau ist gestiegen, allerdings nicht über Nacht auf 16 %. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis es so weit war, und auf dem Weg dorthin wurden viele politische Fehler gemacht. In den 1960er Jahren bewegten sich die Zinsen zwischen 3 und 6 %. Zwar gab es in dieser Zeit starke Schwankungen, doch insgesamt war dies ein gutes Umfeld für Investitionen. Die wirklichen Probleme kamen erst später. Bleibt zu hoffen, dass wir die Lehren aus der Vergangenheit gezogen haben und die 1970er Jahre nicht wiederholen.


In der Zwischenzeit ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass höhere Nominalzinsen gut für die Sparer sind. Für die Jüngeren ist das ein neues Konzept, aber die Boomer sind in einer Welt aufgewachsen, in der die Zinsen ausreichten, um auf Sparkonten und mit Geldmarktfonds eine anständige Rendite zu erzielen. Das ist eine positive Veränderung. Sie gibt den Menschen ein besseres Gefühl beim Sparen, und ich sehe darin eine solide Grundlage für den Markt.


Im Laufe der Zeit werden höhere Zinssätze auch den Märkten für festverzinsliche Wertpapiere wieder Erträge bringen – etwas, das in der Ära des leichten Geldes schmerzlich gefehlt hat. Die Bedeutung dieser Verschiebung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Anleihen dürften dadurch wieder die Rolle einnehmen, die ihnen zusteht, nämlich die Diversifizierung von Aktienrisiken.


In diesem Sinne ist eine gewisse Inflation eigentlich eine gute Sache. Sie ermöglicht es gut positionierten Unternehmen, die Preise zu erhöhen, und führt zu allgemein höheren Löhnen. Das gibt den Menschen ein besseres Gefühl hinsichtlich ihrer Arbeit und ihres Fortschritts. Wie sich die reale Kaufkraft entwickeln wird, lässt sich nur schwer vorhersagen, aber wir haben in den letzten zehn Jahren gesehen, dass die Menschen ohne ein wenig Inflation das Gefühl haben, nicht voranzukommen.


Was dies für Anleger bedeutet


Die Aufrechterhaltung eines ausgewogenen Allwetterportfolios ist in jedem Umfeld sinnvoll, ganz besonders aber in diesem. Zu Beginn des Jahres habe ich die Anleger daran erinnert, die Bewertungen im Auge zu behalten und sich auf eine Marktkorrektur vorzubereiten. Ich erwähnte, dass ich einen Regenmantel kaufen, ihn aber noch nicht anziehen würde. Wie sich herausstellt, ist es gut, den Regenmantel griffbereit zu haben. Die Marktvolatilität ist zurückgekehrt, aber das ist kein Grund, sich entmutigen zu lassen.


Dank unseres auf Fundamentaldaten basierenden Bottom-up-Anlageansatzes sind wir bei Capital Group gut positioniert, um bestimmte Unternehmen zu identifizieren, die ein starkes Ertragswachstum erzielen können. Wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass wir die richtigen Leute an der richtigen Stelle haben, die ihre Entscheidungen auf der Grundlage fundierter, unternehmensspezifischer Analysen treffen, die seit jeher die Grundlage unserer langfristigen Anlagephilosophie bilden.


Die Welt hat sich in der Tat dramatisch verändert. Aber für selektive Anleger bietet der Wandel auch Chancen.



Rob Lovelace ist Vice Chairperson und President von Capital Group Companies und sitzt im Capital Group Management Committee. Er verfügt über 34 Jahre Anlageerfahrung, die er bei Capital Group erworben hat. Er hat einen Bachelor-Abschluss in Geologie von Princeton und ist als CFA zugelassen.



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