ESG
Relevanz – die Basis unseres ESG Konzepts

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IM ÜBERBLICK
  • Unsere sektorspezifischen ESG-Investmentstandards setzen auf Faktoren, die aus unserer Sicht langfristig Mehrwert schaffen.
  • Ergänzt werden unsere Analysen um ausgewählte externe Daten.
  • Als aktive Manager können wir unsere ESG-Analysen an veränderte Rahmenbedingungen anpassen.

Bei der Capital Group kennen wir die Bedeutung von ESG. Wir halten es für wichtig, beim Investieren ökologische und soziale Überlegungen sowie die Corporate Governance zu berücksichtigen. Das passt zu unserem bewährten Ziel, Menschen durch erfolgreiche Anlagen das Leben zu erleichtern.


Eine der Besonderheiten der Capital Group ist unsere langfristige Perspektive. Nehmen wir als Beispiel unsere amerikanischen Publikumsfonds: Aktien halten sie im Schnitt drei Jahre – und damit 55% länger als unsere Wettbewerber.1 Das ist kein Zufall: Aufgrund unserer sorgfältigen Analysen, der regelmäßigen Gespräche mit Unternehmen und unserer Perspektivenvielfalt interessieren uns vor allem Firmen mit langfristigem Konzept.


Wir meinen, dass ein Unternehmen dauerhaft rentabel arbeiten und langfristig wachsen kann, wenn es enge, gute Beziehungen zu Kunden, Mitarbeitern, Zulieferern und Aufsichtsbehörden unterhält – mit Respekt für Umwelt und Gesellschaft.


Eine Drei-, Fünf- oder gar Zehnjahresperspektive hilft uns auch bei der Suche nach Unternehmen, die die Welt grundlegend verändern können, um dann in sie zu investieren. Bei ESG geht es mindestens ebenso sehr um interessante Chancen wie um das Aufdecken von Risiken.


Weil viele ESG-Überlegungen wie geschaffen für unseren Investmentprozess sind, haben sich unsere Analysten und Portfoliomanager schon immer damit befasst. Jetzt bauen wir die ESG-Integration im gesamten Unternehmen aus. Indem wir unseren ESG-Ansatz transparenter und systematischer machen, kann er sich weiterentwickeln.


Bei uns beruht die ESG-Integration auf drei Säulen: Investmentstandards, Kontrolle sowie Engagement und Abstimmungen. Fortschritte in einem Bereich haben unmittelbare Auswirkungen auf die beiden anderen, sodass unser Konzept immer besser wird.


ESG als Teil des Capital System℠


Kern unseres Ansatzes ist die Analyse – mit einem klaren Schwerpunkt auf investmentrelevanten Themen. Mit anderen Worten: Uns interessieren ESG-Themen, die Anlageergebnisse und Bewertungen unmittelbar beeinflussen.


2020 haben unsere Investmentanalysten über 30 branchenspezifische ESG-Investmentstandards entwickelt. Ausgangspunkt sind jeweils die Themen, die wir in den einzelnen Sektoren für besonders wichtig halten. Wir wollen deren finanzielle Auswirkungen verstehen und quantifizieren, um sie dann im Investmentprozess zu berücksichtigen. An den Diskussionen dazu nahmen alle Aktien- und Anleihenanalysten der Capital Group teil. Insgesamt wendeten wir etwa 4.000 Arbeitsstunden auf und ließen das Know-how von 200 Analysten und 14 ESG-Experten einfließen.


Die Orientierung an der Investmentrelevanz („Materiality“) nutzt eine unserer größten Stärken: ein sehr erfahrenes Analystenteam, das langfristige Branchentrends und das Potenzial von Unternehmen beurteilt.


Wir wollen Risiken und Chancen quantifizieren und bewerten, die die traditionellen Finanzkennziffern nur unzureichend erfassen. Dazu zählen wichtige Langfristthemen wie Energiewende und Ungleichheit. Auch achten wir darauf, wie die Unternehmen arbeiten. Verschaffen sie sich einen Wettbewerbsvorteil dadurch, dass sie die richtigen Mitarbeiter gewinnen, an sich binden und fördern? Und können sie das Vertrauen ihrer Kunden stärken, indem sie sicherere Produkte herstellen?


Die Capital Group steht aber nicht allein da. Auch die Unternehmen selbst bemühen sich, ESG-Themen zu verstehen, ihre Bedeutung zu quantifizieren und die Investoren umfassend zu informieren. 2019 legten 90% der S&P-500-Unternehmen einen Nachhaltigkeitsbericht vor. Noch 2011 war es nur 20 Und doch steht die Nachhaltigkeitsberichterstattung erst am Anfang. Das Sustainability Accounting Standards Board (SASB) hat Richtlinien formuliert, die börsennotierten Unternehmen bei der Veröffentlichung wesentlicher investmentrelevanter Informationen helfen sollen Wir halten die Arbeit des SASB für wichtig und arbeiten aktiv in dessen Investor Advisory Group mit.


„Materiality”: Die Bedeutung der Relevanz


Wir wissen, dass sich die Relevanz von Themen im Laufe der Zeit ändert. Oft wird ein zunächst unbedeutender Faktor plötzlich enorm wichtig. Als wir unsere branchenspezifischen Standards entwickelten, begannen gerade die COVID-19-Krise und die Lockdowns, sodass wir sie gleich nutzen konnten. Unternehmen aus fast allen Sektoren mussten umfassend reagieren, um Gesundheit und Wohlergehen ihrer Mitarbeiter und Kunden, aber auch der Gemeinschaft zu schützen. Ein Verzicht darauf wäre ein großes Geschäftsrisiko gewesen. Wichtig war aber nicht nur der Arbeitsschutz. Relevant wurden auch Löhne und betriebliche Sozialleistungen, Lieferkettenmanagement und Cybersicherheit, da sich die Digitalisierung enorm beschleunigte.


Die Relevanz eines ESG-Themas ist nicht immer leicht zu erkennen, und oft ist nicht sofort klar, wann sie sich im Aktienkurs zeigt. Aber das ist auch eine Chance. Gerade wir können sie besonders gut nutzen, weil uns intensive eigene Fundamentalanalysen so wichtig sind.


Relevantes ESG-Thema: Gesundheit & Arbeitsschutz

 

Relevanz in der Investmentanalyse

Vorbildliche Standards

 

Vorbildliche Unternehmen erkennt man daran, dass sie ihren Mitarbeitern Zugang zu Gesundheitsleistungen bieten und für ihre Sicherheit sorgen. Daraus können Wettbewerbsvorteile entstehen. Alle konkurrieren um die besten Mitarbeiter.

  • Sie bieten Gehälter und Leistungen, die über die Mindeststandards hinausgehen, beispielsweise die Erstattung von Studiengebühren, Gesundheitsfürsorge, psychische Betreuung und Kinderbetreuung,

COVID-bedingte Anforderungen

COVID-19 ist ein zusätzlicher Risikofaktor, zumal sich Mitarbeiter (wichtige Arbeitskräfte) bei der Arbeit mit dem Virus infizieren.

  • Sie gewähren ihren Mitrarbeitern Lohnfortzahlung bei Krankheit, sodass keiner Anreiz hat, krank zur Arbeit zu kommen

Fundamentalanalysen werden bei uns ebenso wenig extern erstellt wie ESG-Research.


Arbeitsschutz in der Gastronomie während der Pandemie


Für die Gastronomie war COVID-19 ein hohes Risiko. Die Branche musste ihre Mitarbeiter schützen, ohne den Betrieb völlig einzustellen. Gesundheit und Arbeitsschutz war in Restaurants immer ein Thema, doch durch COVID-19 wurde er noch einmal wichtiger. Es mussten neue Hygienekonzepte entwickelt werden und Mitarbeiter, die zur Risikogruppe zählen, sollten guten Gewissens zu Hause bleiben dürfen. Zugleich musste die Gastronomie die Einkommen ihrer Mitarbeiter sichern, für ihre medizinische (und psychologische) Betreuung sorgen und sich, wenn immer möglich, auch um die Betreuung ihrer Kinder kümmern.


Eigene Analysen und externe Daten: Eine wirksame Kombination


Quantitative und standardisierte ESG-Informationen können für unseren Investmentprozess sehr nützlich sein. Neben dem Verständnis relevanter ESGThemen sind auch die Daten zur Analyse und Beurteilung von Unternehmen wichtig.


Aufgrund des wachsenden Interesses an ESG gibt es immer mehr ESG-Ratings und -Kennzahlen. Dabei muss man sich allerdings ihrer Grenzen bewusst sein. Zurzeit liegen die Ratings der führenden ESG-Analysehäuser so weit auseinander, dass von einem Konsens über das ESG-Profil eines Unternehmens nicht die Rede sein kann. Eine aktuelle Studie der MIT Sloan School of Management hat gezeigt, dass die ESG-Gesamtratings großer Anbieter kaum übereinstimmen. Ihre Korrelation beträgt nur 0,612. Dies steht im deutlichen Gegensatz zum Korrelationskoeffizienten von 0,92 bei den Kreditratings der führenden Agenturen.


Gleiches Ziel, unterschiedliche Schlussfolgerungen


Sustainalytics Risk Rating und der ESG-Score von MSCI messen die ESG-Risiken und das ESG-Management von Unternehmen. In der folgenden Abbildung steht jeder Punkt für ein Unternehmen des MSCI All Country World Index. Wie man sieht, stimmen die beiden Kennzahlen nur wenig überein Offensichtlich herrscht Uneinigkeit darüber, wie man die ESG-Praxis von Unternehmen bewertet. Die Unterschiede zwischen den Verfahren sind groß, und nur wenige ESG-Daten lassen sich unmittelbar vergleichen.



Sustainalytics vs. MSCI Adjusted (ACWI)

Jede Ratingagentur definiert und misst ESG-Themen anders. Es werden unterschiedliche Dinge evaluiert, Risiken werden verschieden berechnet, und man hat unterschiedliche Methoden für den Umgang mit großen Datenlücken, wenn Unternehmen nur wenige oder widersprüchliche Informationen liefern. Alles in allem gibt es am Markt kaum einen Konsens; viele unwichtige Informationen machen die Runde.


Wir müssen daher bei der Nutzung von ESG-Daten selektiv vorgehen. Sicher gibt es belastbare Zahlen, beruhend auf quantitativen Analysen oder anderen harten Daten, die für unseren Investmentprozess nützlich sein können. Unsere Analysten wählen solche Daten von Drittanbietern aus. In manchen Branchen mögen sie aber Mangelware sein, sodass eigene Einzelwertanalysen vor Ort eine große Rolle spielen und wir auch unkonventionelle Quellen nutzen müssen. In anderen Sektoren gibt es hingegen zahlreiche aussagekräftige Indikatoren, die wir gut in unsere Analysen aufnehmen können.


Unsere ESG-Analyse in der Praxis


Der amerikanische Gesundheitssektor ist ein gutes Beispiel für unseren ganzheitlichen, evidenzbasierten ESG-Ansatz. Die Analysten der Capital Group halten hier vor allem soziale Themen für ESG-relevant. Wir haben uns deshalb auf Verbraucherschutz und Produktqualität, Bezahlbarkeit und Zugang sowie Datensicherheit und Datenschutz konzentriert. Außerdem achten wir auf die Qualität des Managements und seine Rechenschaft gegenüber den Aktionären.


Wichtige Faktoren im Blickpunkt


Bei der ESG-Analyse des US-Gesundheitssektors ging es unseren Analysten darum, die Themen zu finden, die ihrer Ansicht nach für den langfristigen Anlageerfolg besonders wichtig sind.


Im amerikanischen Gesundheitswesen geht man davon aus, dass ein nutzenorientierter Ansatz (Value-based Healthcare) der Anreize zum gesunden Lebenswandel setzt, statt zusätzliche Gebühren für bestimmte Leistungen zu verlangen, auf Dauer am nachhaltigsten ist. In einem solchen Modell gehen die Ärzte tendenziell mehr auf ihre Patienten ein und legen großen Wert auf Vorsorge und Prävention. Wir glauben, dass dies die Gesundheit der Bevölkerung fördert und daher auch hilft, Kosten zu sparen, die Patientenzufriedenheit zu steigern und die Patienten an ihre Gesundheitsdienstleister zu binden.


Um abzuschätzen, inwieweit ein Unternehmen dies leistet, führen unsere Analysten eigene Untersuchungen durch und sprechen dazu mit Vertretern der Unternehmen selbst Sie befragen alle Managementebenen und nicht nur die Chefetage. So können sie leichter erfassen, ob sich die offiziellen Unternehmensziele auch in der Unternehmenskultur und im Tagesgeschäft widerspiegeln Unsere Analysten stellen ihre Fragen nicht nur einmal, und auch nicht nur einmal im Jahr. Es ist ein laufender Prozess.


Der Dialog mit den Unternehmen ist wichtig. Darüber hinaus betrachten wir aber auch Indikatoren wie die Kundenzufriedenheit und den Net-Promoter-Score (NPS), eine Kennzahl dafür, inwieweit Kunden ein Unternehmen weiterempfehlen würden. Wichtig ist auch der Kontakt zu Aufsichtsbehörden. Beurteilt wird das Risiko von Sanktionen wie schriftlichen Rügen, Geldbußen, Auflagen und Produktrückrufen.


Ein differenziertes ESG-Bild


Aufgrund unserer Analysen stimmen wir mit den ESG-Ratingagenturen nicht immer überein. Beispielsweise bewertet eine führende ESG-Ratingagentur ein Unternehmen, das wir für einen Pionier der nutzenorientierten Gesundheitsversorgung halten, nur unterdurchschnittlich Begründet wird dies mit seiner dürftigen Berichterstattung über die Kundenzufriedenheit und fehlenden Richtlinien für neue Risikofaktoren wie Adipositas und Umweltverschmutzung Wir sehen es anders: Wir glauben, dass das Unternehmen durch moderne Anreizstrukturen für Ärzte zur Prävention ermutigt und damit die Gesundheit fördert. Für uns ist dies für seinen langfristigen Erfolg und den seiner Investoren wichtiger.


Uns interessieren Firmen, die vermutlich dauerhaft nachhaltig arbeiten Externe Agenturen denken zwar grundsätzlich ähnlich, haben aber andere Schwerpunkte – mit der Folge unterschiedlicher Ergebnisse Das ESG-Rating von MSCI vergleicht ein Unternehmen mit seiner Branche und damit mit seinen direkten Wettbewerbern Sustainalytics hat 2018 eine neue Methodik vorgelegt, die vor allem das ESG-Restrisiko („Unmanaged ESG Risk“) im Blick hat. Für die Bewertung sind dann die branchenspezifischen und regionalen ESG-Risiken abzüglich der risikosenkenden Maßnahmen der Unternehmen relevant Ganz anders wiederum ist das Ziel des SASB: Es möchte Berichtsstandards entwickeln, damit Unternehmen Informationen veröffentlichen, die für Investoren entscheidungsrelevant sind. Wir lassen all dies in unseren Investmentprozess einfließen. Danach führen wir eigene Analysen durch, um uns ein Bild zu machen.


Ein Prozess im Fluss – fortschrittsorientiert


Wir glauben, dass uns unsere ESG-Analysen helfen, unser langfristiges Ziel zu erreichen – nämlich Menschen durch erfolgreiche Anlagen das Leben zu erleichtern. Unsere Arbeit geht aber weiter. Wirtschaft und Gesellschaft sind schnelllebig geworden, sodass sich die Relevanz von ESG-Themen rasch ändern kann. Wir prüfen unsere Standards daher kontinuierlich und passen sie bei Bedarf an.


Dabei hilft uns, dass wir Unternehmen schon immer als Partner und nicht als Gegner betrachten Dennoch halten wir sie zu Verbesserungen an: Weil von den Unternehmen immer mehr Nachhaltigkeit gefordert wird, glauben wir, dass diese Art der partnerschaftlichen Zusammenarbeit immer wichtiger wird Wir glauben, dass wir gemeinsam lernen und so für ein besseres ESG-Management sorgen können. Das braucht zwar Zeit, aber mehr denn je sind wir von unserem relevanzbasierten ESG-Ansatz überzeugt. Letztlich bewirkt er, dass Unternehmen vor allem dort nachhaltiger werden, wo auch die Investoren etwas davon haben.


 


1. Die American Funds mit Aktienschwerpunkt hielten ihre Anlagen im Schnitt 2,9 Jahre, bei den Fonds der Wettbewerber waren es hingegen nur 1,9 Jahre (gleichgewichteter Durchschnitt der Morningstar-Kategorien der 20 American Funds mit Aktienschwerpunkt, Stand 31. Dezember 2020). Anleihenfonds bleiben wegen der Besonderheiten von Anleiheninvestitionen bei der Berechnung unberücksichtigt. Die American Funds sind außerhalb der USA nicht erhältlich.


2. Berg, Florian, Kölbel, Julian und Rigobon, Roberto. 2019. “Aggregate Confusion: The Divergence of ESG Ratings.” MIT Sloan School Working Paper 5822-19, MIT Sloan School of Management, Cambridge, MA.


Stand aller Daten 31. Dezember 2020 (falls nicht anders angegeben).


Die Capital Group managt Aktien in drei Investmenteinheiten, die ihre Anlageentscheidungen autonom treffen und unabhängig voneinander auf Hauptversammlungen abstimmen. Die Anleihenexperten sind für das Anleihenresearch und das Anleihenmanagement im gesamten Unternehmen verantwortlich. Bei aktienähnlichen Anleihen werden sie aber ausschließlich für eine der drei Aktieneinheiten tätig.




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