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Fünf Anlageerkenntnisse aus der Pandemie
Steve Watson
Aktienportfoliomanager

Als Anleger mit über dreißig Jahren Erfahrung waren die vergangenen 16 Monate in meiner beruflichen Laufbahn eine äußerst schmerzliche, aber auch unglaublich lehrreiche Erfahrung. Am oder um den 23. März 2020 herum erreichten der Standard Poor’s 500 Composite Index und der MSCI All Country World Index Tiefststände, die angesichts der weltweit fortschreitenden COVID-19-Pandemie die schnellste Baisse der Geschichte einleiteten.


In starkem Kontrast dazu erreichten die Aktienmärkte vergangene Woche neue Rekordhochs und brachten uns in einer 180-Grad-Kehrtwende vom Tiefpunkt im Jahr 2020 zum Höhepunkt in 2021. Ich habe mir diese bemerkenswerten Meilensteine zum Anlass genommen, einige meiner Erkenntnisse aus dieser höchst ungewöhnlichen Zeit mit Ihnen zu teilen.


Lassen Sie mich mit einer kurzen Zusammenfassung meiner Einstellung Anfang 2020 beginnen. Ende 2019 war ich zuversichtlich, dass auf den Märkten alle Voraussetzungen für eine ertragsstarke Phase gegeben waren. Die Inflation und die Zinssätze waren niedrig und es sah nicht so aus, als würde sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern. Die Banken gaben bereitwillig Kredite und die Unternehmen schienen wieder bereit, in die Produktionskapazität zu investieren, statt in Aktienrückkäufe und fragwürdige Übernahmen.


Mit dieser Überzeugung und der oben erwähnten zuversichtlichen Einstellung startete ich also mit wenig Barmitteln und beträchtlicher Zyklizität bei meinen größten Anlagepositionen ins Jahr 2020. In weniger als drei Monaten, als die Weltwirtschaft nahezu zum Erliegen kam und sich Angst auf den Märkten breitmachte, war es um meine prozyklische Anlagestrategie problematisch bestellt, um es gelinde auszudrücken. Aber es kommt auf den Kontext an. Und um diesen zu begreifen, ist es hilfreich, meinen Anlagestil zu verstehen.


 


Meine Freunde und Kollegen sagen manchmal: „Steve ist ein Typ, der schnurstracks in ein brennendes Gebäude rennen würde“. Ich finde das ein wenig übertrieben, aber es stimmt, dass ich bei meinen Investitionen aus Überzeugung gegen den Strom schwimme. Seit ich in diesem Geschäft bin, habe ich immer geglaubt, dass der Markt von extremer Euphorie in extremen Pessimismus umschlägt. Ein Anleger mit einem gesunden Maß an Objektivität kann davon profitieren, erstere zu verkaufen und letzteren zu kaufen.


Mit diesem Ansatz bin ich über 30 Jahre lang gut gefahren, auch wenn dabei schmerzliche Erfahrungen oft nicht ausbleiben und sich diese Strategie meist in der Frühphase von Konjunkturaufschwüngen auszahlt, wenn der Pessimismus dem Optimismus weicht. Warren Buffett hat es am besten auf den Punkt gebracht: Sei auf der Hut, wenn die anderen gierig sind, und gierig, wenn die anderen auf der Hut sind.


Das ist meine Devise, um es kurz zu fassen. Im Folgenden möchte ich Ihnen fünf Erkenntnisse an die Hand geben, die ich während der Pandemie gelernt habe bzw. wieder lernen musste und jetzt in meinen Portfolios anwende:


 


1. Marktkrisen sind unvermeidlich


Der Ausbruch der pandemiebedingten Marktkrise lies mich an vergangene Markteinbrüche denken, die ich erlebt habe. Insgesamt kam ich auf 21, darunter der Zerfall der Sowjetunion, das Platzen der Technologieblase, die weltweite Finanzkrise und jetzt die COVID-19-Pandemie.


Ich nenne diese Ereignisse nur, um die Tatsache zu unterstreichen, dass Marktstörungen zum Anlegerleben unweigerlich dazugehören. Die aufgeführte Liste legt nahe, dass wir es etwa alle 18 Monate mit einem solchen Ereignis zu tun bekommen.


 


Niemand hätte die Pandemie vorhersehen können, aber rückblickend wäre es weise gewesen, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass etwas passieren würde, was der unglaublichen Hausse des letzten Jahrzehnts ein Ende setzen würde. Wenn man der Geschichte glauben mag, wäre es auch weise gewesen, darauf zu setzen, dass wir es durch die Krise schaffen und gestärkt daraus hervorgehen würden. Und so war es dann auch.


 


2. Die Auslegung der Geschichte ist keine exakte Wissenschaft


Aus dieser relativ kurzen Liste von Ereignissen lassen sich auch andere wichtige Erkenntnisse ziehen, wie die Tatsache, dass die Geschichte sich nicht unbedingt in der erwarteten Weise wiederholt. Es ist so einfach, falsche Analogien zu ziehen. Und genau dieser Fehler unterlief mir in den ersten Monaten der COVID-19-Krise.


So lebte ich 2003 während der SARS-Epidemie (schweres akutes respiratorisches Syndrom) beispielsweise in Hongkong. Ich stellte voreilig viel zu simplistische Vergleiche zwischen SARS und COVID-19 an. Doch obwohl SARS relativ betrachtet eine furchteinflößende Erfahrung war, war es keine besonders große Sache. Aus der SARS-Erfahrung Schlüsse über COVID-19 zu ziehen, stellte sich als Fehler heraus, denn die Anleger waren nicht auf das Ausmaß und die Dauer dieser Pandemie vorbereitet.


Ich muss hinzufügen, dass ich von der Schnelligkeit und Durchschlagkraft der Reaktion der Regierungen – sowohl in geld- als auch fiskalpolitischer Hinsicht – auf die COVID-19-Krise ähnlich überrascht war. Diese Reaktion half vermutlich dabei, den Schaden für meine prozyklischen Positionen in den Anfangsmonaten von 2020 zum Teil zu minimieren.


 


3. Wachstum oder Wert? Beides, zum richtigen Einstiegspunkt


Obwohl ich ein gewisses Unbehagen bei den allzu weit gefassten und vagen Bezeichnungen „Wachstum“ und „Wert“ einräumen muss, werde ich sie hier trotzdem verwenden, wenngleich ich zugeben muss, dass es ihnen an der nötigen Nuancierung fehlt. Tatsache ist, dass meine relativ begrenzte Auswahl wachstumsorientierter Aktien während der schlimmsten Tage des Jahres 2020 meine Rettung war. Dazu gehörten ein paar Technologieaktien, insbesondere aus der Halbleiterindustrie, sowie ein paar verbraucherorientierte Internet- und Onlinehandelsunternehmen.


Obwohl meine Anlagen an Wert verloren, bin ich weiterhin fest von der Widerstandsfähigkeit des Technologiesektors überzeugt. Der Einstiegspunkt ist für mich ein wichtiger Faktor. Daher handelt es sich bei meinen technologiebezogenen Anlagen um langfristige Anlagepositionen, die ich ursprünglich erworben hatte, bevor der Markt ihr Potenzial erkannte. Ich kaufe gerne Aktien, wenn sie einen niedrigen Wert haben und nicht gefragt sind, aber ich tendiere auch dazu, sie lange genug zu behalten, bis sich der Markt des wahren Werts des betreffenden Unternehmens bewusst wird. Daher machen einige meiner Anlagepositionen aus heutiger Sicht gar nicht mehr den Eindruck, als würden sie gegen den Trend gehen, obwohl das zum Anlagezeitpunkt wahrscheinlich durchaus der Fall war.


Als diese Aktien inmitten der Pandemie deutlich zulegten, stieß ich nach und nach einige davon ab, um Platz für unbeliebtere Marktbereiche wie Energie, Finanzen und Reisen zu machen.


 


4. Dividenden spielen eine wichtige Rolle


Da wir schon beim Thema unbeliebter Bereiche sind: Ich betone schon seit langem, dass Dividenden der Hauptmechanismus für die Übertragung von Wert von einem Unternehmen auf seine Anleger sind. Auch an meiner Erwartungshaltung, dass Dividenden in Zeiten von Marktturbulenzen weiterhin eine stabilisierende Rolle spielen werden, hat sich nichts geändert.


Leider hat sich die letztere Eigenschaft im vergangenen Jahrzehnt abgeschwächt und schien 2020 zeitweise gar nicht mehr zu greifen. Trotzdem bin ich keineswegs bereit zu sagen, dass Rendite nutzlos ist. Unsere derzeitigen, noch nie dagewesenen geldpolitischen Rahmenbedingungen in Kombination mit dem Festhalten des Markts an wachstumsstarken Unternehmen, die die Gesellschaft verändern, haben viele Normen der Vergangenheit über den Haufen geworfen.


Und dennoch denke ich nicht, dass der Wert der Dividende als Mechanismus der Vermögensübertragung, der als Bindeglied zwischen Unternehmen und Anlegern fungiert, ausgedient hat. Meiner Ansicht nach ist er wichtiger denn je. Und ich halte auch immer noch eine Reihe von dividendenstarken Titeln sowie Titeln mit steigender Dividende in meinen Portfolios.


In einfachen Worten: Ich war schon vor der Pandemie ein Fan von Dividenden und bin es auch jetzt noch.


 


5. Dr. Copper stellt eine positive Diagnose


Auch wenn mein Ausblick im ersten Quartal von 2020 alles andere als zutreffend war, hat sich daran bis heute kaum etwas geändert.


Nun, da die Märkte gerade eine 180-Grad-Kehrtwende eingelegt haben, vertrete ich im Großen und Ganzen noch die gleiche Ansicht wie Ende 2019: Ich bin immer noch absolut zuversichtlich und gehe davon aus, dass die weltweiten Märkte in einem Jahr noch bessere Ergebnisse verzeichnen werden. Meine Portfolios sind immer noch prozyklisch orientiert, d. h. dass ich bevorzugt in Unternehmen investiere, die meiner Meinung nach vom erneuten Aufschwung des weltweiten Wirtschaftswachstums profitieren werden.


Ich könnte damit natürlich falsch liegen, fühle mich aber von der Diagnose von Dr. Copper (Doktor Kupfer) bestärkt. Wie sie vielleicht gehört haben, ist Kupfer der Rohstoff, der einen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften hat, da er ein verlässlicher Indikator für die zukünftige Entwicklung der Weltwirtschaft ist. Ende März sackten die Kupferpreise auf einen Tiefstand. Jetzt deuten sie darauf hin, dass uns ein starker und voraussichtlich anhaltender Wirtschaftsaufschwung bevorsteht. Die Kupferentwicklung warnt uns aber vielleicht auch vor einem zunehmenden Inflationsdruck. Doch bis auf Weiteres stellen die Inflation oder höhere Zinssätze meiner Meinung nach keine Gefahr für die weltweiten Aktienmärkte dar.


 


Es tun sich aber auch immer attraktivere Möglichkeiten außerhalb der USA auf. Insbesondere die Schwellenmärkte sind derzeit aus Bewertungssicht wesentlich attraktiver als die USA und meine Portfolios spiegeln diese Sicht im Allgemeinen wider.


Kurz gesagt, sind auch jetzt wieder alle Voraussetzungen gegeben, die mich Ende 2019 und Anfang 2020 mit voller Überzeugung zu einem völlig falschen Schluss kommen ließen. Kritiker mögen vielleicht sagen, dass ich mir schwertue, meine Lektion zu lernen. Ich würde aber entgegnen, dass das Jahr der Pandemie auch eine Anomalie gewesen sein könnte. Und vielleicht ist es jetzt an der Zeit, wieder Anlagestile zu verfolgen, die sich an der Marktgeschichte orientieren, und mehr Gewicht auf die Erwartung einer Rückkehr zu den Normen der Vergangenheit zu legen.


Ich wage sogar zu behaupten, dass durchaus auch die Möglichkeit besteht, dass der Trend wieder hin zu einem wertorientierten Wachstum geht und die nicht US-amerikanischen Märkte bereit sind, die USA in den kommenden Jahren sogar zu überholen.


Das wird sich noch zeigen.



Steve Watson ist Aktienportfoliomanager mit 33 Jahren Anlageerfahrung. Er hat einen MBA- und einen MA-Abschluss in Französisch von der New York University sowie einen Bachelor-Abschluss in Französisch von der University of Massachusetts.


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