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Brexit
Brexit-Abkommen schafft neue Handelsbarrieren zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU
Robert Lind
Volkswirt
Im Überblick
  • Neue Handelsbarrieren werden das Wirtschaftswachstum wahrscheinlich über Jahre hinweg belasten
  • Das Handelsabkommen könnte zu einer Neuausrichtung der britischen Wirtschaft führen
  • Binnenmarktorientierte britische Aktien könnten am anfälligsten sein

 

Viereinhalb Jahre nachdem sich die britischen Wähler knapp für einen Austritt aus der Europäischen Union ausgesprochen hatten, erzielten beide Seiten ein Handelsabkommen, nur wenige Tage vor dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion am 31. Dezember. Das Abkommen vermeidet zwar Strafzölle und Quoten auf Waren, stellt aber dennoch einen erheblichen Bruch in den Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU dar.


Zu den unmittelbarsten Auswirkungen werden neue Handelsspannungen gehören, da am 1. Januar Grenzkontrollen und Zollerklärungen eingeführt werden. Das Vereinigte Königreich ließ verlauten, dass man in den ersten sechs Monaten des Jahres 2021 schrittweise Grenzkontrollen einführen wird, während die EU plant, schon im Januar vollständige Kontrollen einzuführen. Diese Hemmnisse kosten die britischen Unternehmen schätzungsweise 7 Milliarden GBP (9,4 Milliarden USD) pro Jahr. Kurzfristig dürfte das Vereinigte Königreich damit zu kämpfen haben, Staus an wichtigen Grenzübergängen zu vermeiden. Zudem sind viele Unternehmen nicht auf den bürokratischen Aufwand vorbereitet.


Diese Probleme könnten den Handel zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU um etwa ein Drittel verringern. Das britische Bruttoinlandsprodukt könnte laut Schätzungen der britischen Regierung über 10 bis 15 Jahre hinweg um etwa 5 bis 7 % geringer ausfallen, als es bei einem Verbleib des Landes in der Europäischen Union der Fall gewesen wäre. Die EU sieht sich ebenfalls wirtschaftlichen Nachteilen ausgesetzt, insbesondere in Ländern mit engen Handelsbeziehungen zum Vereinigten Königreich. Irland, Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, die Niederlande und Dänemark werden wahrscheinlich allesamt negative Auswirkungen in ihrem Handel mit dem Vereinigten Königreich zu spüren bekommen.


 


Abkommen sorgt für mehr Regulierung


Das Freihandelsabkommen ist eines der umfangreichsten, das die EU je mit einem wichtigen Handelspartner abgeschlossen hat. Es vermeidet Zölle und Quoten für alle Waren und zielt darauf ab, die regulatorische Belastung in einigen wichtigen Sektoren, wie z. B. bei Chemikalien, zu begrenzen.


Dennoch wird das Vereinigte Königreich insgesamt mit einer deutlich stärkeren Regulierung konfrontiert sein. Die Waren unterliegen Ursprungsregeln, die festlegen, inwieweit Vorleistungen aus einem anderen Land in britischen Produkten, die in die EU exportiert werden, enthalten sein können. Dies ist besonders wichtig für Autos sowie für verarbeitete Lebensmittel und Getränke.


Die Vereinbarung deckt nur einen Teil des Dienstleistungssektors ab, wie z. B. das Transportwesen, und nur einen kleinen Teil der Finanz- und freiberuflichen Dienstleistungen. Die EU ließ verlauten, das sie Gleichwertigkeit für diese Sektoren in Betracht ziehen wird, was einen besseren Zugang zum EU-Binnenmarkt ermöglichen würde. Dies ist jedoch wesentlich ungünstiger als die „Passporting“-Rechte, die es Finanzdienstleistern mit einer aufsichtsrechtlichen Zulassung in einem EU-Land erlaubten, ihre Geschäfte in der gesamten EU frei zu betreiben.





Chance für eine Neuausrichtung der britischen Wirtschaft nach dem Brexit


Der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU könnte zu einer längerfristigen Umstrukturierung und Neuausrichtung der britischen Wirtschaft führen, mit einer geringeren Abhängigkeit vom Finanzsektor, dem Wohnungsbau und den Verbraucherausgaben. Die Regierung ist bestrebt, ihre Agenda des „Levelling up“ mit der Entwicklung des industriellen Nordens zu beginnen. Dies könnte zusammen mit neuen Investitionen in Technologie, Pharmaforschung und Umweltsanierung dazu beitragen, die Auswirkungen des Brexit auszugleichen. Die sich verschlechternde Haushaltslage der Regierung könnte jedoch ihre Möglichkeiten zur Unterstützung dieser Neuausrichtung beeinträchtigen. Das Vereinigte Königreich hat infolge der Coronavirus-Pandemie bereits ein großes Haushaltsdefizit und die Wirtschaft wird wahrscheinlich noch mehr Unterstützung benötigen, wenn sie sich auf die neuen Handelsbeziehungen mit der EU einstellt. Die britische Staatsschuldenquote könnte in den nächsten fünf bis zehn Jahren stark ansteigen, da die Wirtschaft eine geringere Wachstumsrate aufweisen wird.


Im Laufe der Zeit könnte das Vereinigte Königreich von engeren Beziehungen zu globalen Handelspartnern wie China, Indien und den USA profitieren und damit seine Abhängigkeit vom Handel mit der EU verringern. Allerdings treiben Länder, die geografisch nahe beieinander liegen und ein ähnliches Einkommensniveau haben, tendenziell eher Handel untereinander. So betreibt das Vereinigte Königreich derzeit etwa dreimal mehr Handel mit der Republik Irland, einem Inselstaat mit etwa 5 Millionen Einwohnern, als mit Indien, einer Nation mit 1,4 Milliarden Einwohnern, und dies trotz der historischen Verbindungen, die sich daraus ergeben, dass das Land einst Teil des britischen Empire war. Jede Zunahme des britischen Handels mit Ländern außerhalb der EU dürfte im Vergleich zum Verlust des Handels mit der EU bescheiden ausfallen.


 


Britische Aktien und das britische Pfund könnten kurzfristig profitieren


Die Vereinbarung dürfte sich kurzfristig positiv für das Pfund Sterling und binnenmarktorientierte britische Aktien auswirken und gleichzeitig Aufwärtsdruck auf die Anleiherenditen ausüben. Längerfristig dürften jedoch ein langsameres Wirtschaftswachstum und jegliche Art von Neuausrichtung die britischen Aktien belasten. Obwohl viele der größten im Vereinigten Königreich ansässigen börsennotierten Unternehmen multinationale Konzerne mit begrenztem Engagement in der Binnenwirtschaft sind, dürften Unternehmen, die einen größeren Teil ihres Umsatzes im Vereinigten Königreich erzielen, wie z. B. Einzelhändler, Banken, Wohnungsbauunternehmen und Versorger, sowie Unternehmen mit bedeutenden Exportmärkten in der EU, stärker betroffen sein.


Auf Sektorebene gehörten die Landwirtschaft und die Automobilbranche zu den anfälligsten Bereichen bei einem No-Deal-Brexit. Etwa drei Viertel der Agrarimporte des Vereinigten Königreichs kommen aus der EU. Infolgedessen hätten neue Zölle einen erheblichen Schock für die britischen Lebensmittelpreise bedeutet, was die Regierung in Anbetracht der bereits durch die Coronavirus-Pandemie verursachten wirtschaftlichen Misere vermeiden wollte. Selbst mit einem Abkommen wird ein gewisser Preisanstieg bei Lebensmitteln erwartet, da Gesundheitszertifikate und andere Einfuhrkosten die Importe von Lebensmitteln sowie landwirtschaftlichen Produkten wie Tierfutter beeinträchtigen werden. Davon könnten Lebensmittel-Discounter profitieren, da preisbewusste Verbraucher versuchen werden, ihre Ausgaben für Lebensmittel unter Kontrolle zu halten.


Im Automobilbereich ist das Vereinigte Königreich ein wichtiges Montagezentrum für Unternehmen wie Nissan, Honda und BMW, die die fertigen Fahrzeuge dann im EU-Markt verkaufen. Das Vereinigte Königreich lieferte im Jahr 2019 51 % seiner Fahrzeugexporte in die EU, während 81 % der vom Vereinigten Königreich importierten Fahrzeuge aus der EU kamen. Ein No-Deal-Brexit hätte diese Lieferketten erheblich belastet und einige Unternehmen möglicherweise dazu veranlasst, ihre im Vereinigten Königreich ansässigen Betriebe in die EU zu verlagern. Das Handelsabkommen vermeidet zwar dieses Szenario, die Autohersteller müssen jedoch die Anforderungen der Ursprungsregeln befolgen, um weiter zollfreien Zugang zum EU-Markt zu erhalten.


 


Richtungsweisendes Abkommen markiert das Ende vom Anfang der Brexit-Verhandlungen


Der politische Pragmatismus sprach immer für eine Einigung und erlaubte es dem britischen Premierminister Boris Johnson zu behaupten, dass er sein Versprechen, den Brexit zu vollziehen („get Brexit done“), erfüllt hat. Angesichts des Rückschlags beim Umgang der Regierung mit COVID-19 war das letzte, was diese brauchte, eine harte Landung beim Brexit. Dies hätte wie ein Versagen der Regierung ausgesehen und wäre ein Geschenk für die oppositionelle Labour-Partei vor den Kommunalwahlen im nächsten Jahr und ein Segen für die Scottish National Party gewesen, die sich für die Unabhängigkeit Schottlands ausspricht.


Dennoch markiert die Einigung an Heiligabend nicht das Ende des Brexit-Prozesses, sondern eher einen Meilenstein in den endlosen Verhandlungen bezüglich der bilateralen Beziehungen. Die derzeitige konservative Regierung hat angedeutet, dass sie versuchen wird, das Potenzial für Abweichungen von den EU-Regeln auszunutzen, obwohl dies zu mehr Spannungen mit der EU führen könnte, die auf gleichen Wettbewerbsbedingungen und einer angemessenen Governance-Struktur zur Behandlung von Streitigkeiten besteht. Eine künftige Labour-Regierung könnte versuchen, den Marktzugang zur EU zu verbessern.


So oder so werden sich das Vereinigte Königreich und die EU weiterhin mit Problemen beschäftigen, die im Abkommen nicht angesprochen wurden, sowie mit Streitigkeiten, die wahrscheinlich aufkommen werden. Die Erfahrungen anderer Nicht-EU-Länder wie Norwegen und der Schweiz deuten darauf hin, dass die Beziehung zur EU eine Herausforderung bleiben könnte. Tatsächlich werden auf Basis des Abkommens mehr als 30 neue bilaterale Ausschüsse zur Verwaltung der Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU eingerichtet.


Zukünftige britische Regierungen werden weiterhin mit der Frage ringen, die die Beziehung des Landes zur EU seit Jahrzehnten dominiert: Wie viel Souveränität ist sie bereit, für den Zugang zum europäischen Binnenmarkt einzutauschen? Diese Frage wurde durch die jüngste Einigung nicht abschließend beantwortet. So werden wir möglicherweise noch jahrelang mit der Brexit-Unsicherheit und einer zerrütteten Beziehung zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU leben müssen.



Robert Lind ist Volkswirt bei der Capital Group. Er hat 33 Jahre. Branchenerfahrung, davon vier Jahre bei der Capital Group. Er hat einen Bachelor in Philosophie, Politik und Volkswirtschaft (PPE) von der Universität Oxford. Lind arbeitet in London.


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