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Indien könnte vor einer vielversprechenden Zukunft stehen
Anirudha Dutta
Ökonom
Brad Freer
Portfoliomanager

Nach einer Abkühlung im Jahr 2019 und einem harten Lockdown im Jahr 2020 könnte Indien gut aufgestellt sein, um seinen Platz unter den am schnellsten wachsenden Schwellenländern wiederzuerlangen. Vom Onlinehandel über Banken bis hin zu Immobilien werden wir einen Blick auf einige der wichtigsten Sektoren werfen, die die Erholung vorantreiben könnten, sowie auf die Bereiche, in denen vermutlich die Chancen für Aktienanleger liegen.


 


Indien könnte auf ein zweistelliges Wachstum zusteuern


Das letzte Jahrzehnt war für Indiens Produktions-, Bau- und Infrastruktursektor eine Herausforderung, da sich der Investitionszyklus verlangsamte. Dies belastete das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, das 2019 ein 10-Jahres-Tief von 4,2 % erreichte. Die durch einfache Finanzierungen angetriebene Verbrauchernachfrage, ein außer Kontrolle geratenes Kreditwachstum einer aufstrebenden Bevölkerung und die Staatsausgaben waren wichtige Stützen für das Wirtschaftswachstum. Was sind also die Aussichten für den indischen Markt und die Wirtschaft des Landes?


Unserer Ansicht nach haben die aggressiven Kostensenkungen der Industrieunternehmen in den letzten Jahren den Boden für den Wandel bereitet. Die Unternehmen haben ihre Investitionsausgaben gesenkt und die Verschuldung reduziert. Die indische Regierung hat dringend benötigte Arbeitsreformen durchgeführt. Indessen sind die Bankbilanzen gesünder und die Zinssätze sind niedrig. Vor diesem Hintergrund tritt das verarbeitendes Gewerbe Indiens wahrscheinlich in eine mehrjährige Wachstumsphase ein, in der sich die Margen, Gewinne und das ROCE (Return on Capital Employed, Ergebnis auf das eingesetzte Kapital) erholen werden. Dies sollte den neuen Investitionszyklus ankurbeln.


Gleichzeitig stellt die Einführung des COVID-19-Impfstoffs das Vertrauen der Verbraucher wieder her. Trotz düsterer Prognosen hat Indien die Pandemie gut gemeistert. Nach dem, was als der härteste Lockdown weltweit bezeichnet wurde, hat sich die Wirtschaft schneller erholt als erwartet.


Bei unseren vielen Gesprächen mit Unternehmen ist eine Aufbruchsstimmung zu verspüren, die wir in den vergangenen Jahren vermisst haben. Verschiedene Sektoren der Wirtschaft haben begonnen, sich zu normalisieren. Die Produktionstätigkeit, die Exportaufträge sowie der Immobilien- und Fahrzeugabsatz haben sich alle verbessert.


Auch der Ansatz der Regierung scheint sich zu verlagern. Statt zu versuchen, das System zu bereinigen, wie sie das in den letzten sechs Jahren mit beachtlichem Erfolg getan hat, scheint sie nun das Wachstum in den Blick genommen zu haben und mit dem Privatsektor zusammenarbeiten zu wollen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Ein typisches Beispiel: Indien hat vor kurzem ein produktionsgebundenes Anreizprogramm vorgestellt, das ausländische Hersteller von Mobiltelefonen, Arzneimitteln und medizinischen Geräten dazu ermutigen soll, Niederlassungen im Land zu gründen, und inländische Produzenten, zu expandieren. Der gerade veröffentlichte Haushaltsplan der Zentralregierung für das Geschäftsjahr 2022 mit seinem Schwerpunkt auf Infrastrukturausgaben und -wachstum hat die Anlegerstimmung weiter beflügelt.


Die einsetzende Erholung könnte in Verbindung mit niedrigen Zinsen einen positiven Kreislauf für die indische Wirtschaft in Gang setzen. Wir glauben, dass das BIP im Geschäftsjahr 2022 ein zweistelliges Wachstum verzeichnen und sich in späteren Jahren stabil bei 6 bis 8 % einpendeln könnte.





Wichtige Bereiche, die beobachtet werden sollten


Die Beobachtung einiger Schlüsselsektoren wird entscheidend sein, wenn es darum geht, Anzeichen für Fortschritte - und Investitionsmöglichkeiten - zu entdecken, während sich Indiens Wirtschaft weiter erholt.


Onlinehandel: Ein heiß umkämpftes Schlachtfeld. Die digitale Transformation Indiens schreitet zügig voran und inländische Technologieunternehmen konkurrieren mit multinationalen Konzernen, die ein Stück vom großen und jungen Verbrauchermarkt des Landes haben wollen. Reliance Industries steht im Mittelpunkt des Kampfes. Sein Mobilfunkdienst Jio wurde 2016 eingeführt und hat vor Kurzem die Marke von 400 Millionen Abonnenten überschritten. Ursprünglich Indiens größtes Öl- und Gasunternehmen, hat sich Reliance zu einem gewichtigen einheimischen Technologieunternehmen gewandelt. Aber statt einen Alleingang zu wagen, hat sich das Unternehmen mit multinationalen Unternehmen weltweit zusammengetan, die einen Zugang zum indischen Markt suchen. Seine umfassendere Vision ist es, Hersteller, Einzelhändler und Verbraucher über die Jio-Plattform zu verbinden. Das war der Antrieb für die strategische Partnerschaft mit Facebook. Jio arbeitet auch mit Google zusammen, um ein preisgünstiges Android-Smartphone zu entwickeln.





Indiens Bankensystem: Eine Geschichte von zwei Welten. Indiens Banken haben ein starkes Wachstumspotenzial, was einer relativ geringen Marktdurchdringung und dem schnellen Wachstum des Onlinebanking geschuldet ist. Es gibt jedoch eine große Kluft zwischen öffentlichen und privaten Banken. Die staatlichen Banken haben weltweit eine der höchsten Quoten an faulen Krediten, ein Problem, das sich durch die Pandemie wahrscheinlich noch verschärfen wird. Zwar zwang ein neues Insolvenzgesetz die Banken dazu, faule Kredite schneller zu erkennen, es wird aber weiterer Reformen bedürfen, damit mehr Kredite fließen, um Wachstum und Innovationen anzukurbeln. Diesbezüglich hat die Regierung kürzlich Pläne zur Gründung einer „Bad Bank“ angekündigt, die notleidende Kredite verwalten soll.


Im Gegensatz dazu haben die größeren Privatbanken ihre Gewinne gesteigert und Marktanteile hinzugewonnen. Sie sind gut aufgestellt, um einige der schwächeren Kreditinstitute des Landes zu übernehmen.


Wohnimmobilien: Weniger fragmentiert. In den letzten Jahren haben neue Gesetze diese Branche sowohl formalisiert als auch legitimiert, was nur wenige große, organisierte regionale Wohnungsbauunternehmen wie Godrej Properties, Sobha Ltd. und Brigade Enterprises überlebten. Eine rasche Konjunkturerholung in Indien könnte die Nachfrage nach Wohnimmobilien in städtischen Gebieten wieder ankurbeln. Neben den Wohnungsbauunternehmen selbst könnten sich Gelegenheiten für Unternehmen auftun, die Zement, Farbe, Fliesen oder Haushaltsgeräte anbieten.


Verbrauchermarkt: Von multinationalen Unternehmen dominiert. Indiens Verbrauchermarkt wird von Tochtergesellschaften multinationaler Konzerne wie Hindustan Lever, einer Einheit von Unilever, dominiert. Pepsi, Nestlé, Mondelez und Coca-Cola streben einen größeren Marktanteil durch eine Vielzahl innovativer, auf Hypermärkte ausgerichteter Strategien an. Dies ist ein Bereich mit hohem Wachstumspotenzial, in den sowohl neue inländische Akteure als auch eine größere Gruppe multinationaler Unternehmen einsteigen werden.


 


Weitere Fortschritte bei den Reformen werden entscheidend sein


Um sein volles Potenzial entfalten zu können und die Märkte am Laufen zu halten, wird Indien tiefgehende Strukturreformen durchführen müssen. Seit seinem Machtantritt im Jahr 2014 hat Premierminister Narendra Modi eine Reihe von Reformen umgesetzt, die die Modernisierung der Wirtschaft, die Erleichterung der Geschäftstätigkeit, die Bekämpfung der Korruption und die Steigerung des Lebensstandards zum Ziel haben. Seine Regierung hat die Pandemie als Chance begriffen, seit langem ausstehende Maßnahmen voranzubringen, die die Landwirtschaft, die Arbeit und die inländische Produktion betreffen. Große Reformen können allerdings eine Herausforderung sein, wie wir jüngst bei den weit verbreiteten Protesten von Landwirten gegen neue Agrargesetze gesehen haben.


Unserer Erfahrung nach kann sich die Qualität des Managements von Indiens Privatunternehmen mit jener der besten Unternehmen der Welt messen. Sollten Strukturreformen ein höheres Binnenwachstum in Gang setzen, wären viele dieser Unternehmen gut aufgestellt, um sowohl den Umsatz als auch den Gewinn schneller zu steigern als viele ihrer Konkurrenten in den globalen und Schwellenmärkten. Mit einer Marktkapitalisierung von etwa 872 Milliarden US-Dollar, gemessen am MSCI India Investible Market Index (IMI) zum 31. Dezember 2020, ist Indiens Aktienmarkt immer noch relativ klein im Vergleich zur Größe seiner Wirtschaft und seines Wachstumspotenzials. Dies könnte bedeuten, dass sich das Anlageuniversum in Indien in den kommenden Jahren vergrößern wird.



Anirudha Dutta ist ein Wirtschaftswissenschaftler mit 30 Jahren Branchenerfahrung. Er hat ein Postgraduiertendiplom in Business Management der Xavier School of Management und einen Bachelor-Abschluss mit Auszeichnung in Metallurgical Engineering des Indian Institute of Technology, Kharagpur.

Brad Freer ist ein Portfoliomanager und verfügt über 28 Jahre Branchenerfahrung. Er hat einen Bachelor-Abschluss in internationalen Beziehungen des Connecticut College und ist Chartered Financial Analyst®.


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