Categories
USA
Ausblick für die USA: Solides Wachstum und hartnäckige Inflation zu erwarten
Darrell Spence
Volkswirt
Diana Wagner
Aktienportfoliomanagerin
Chris Buchbinder
Aktienportfoliomanager
IM ÜBERBLICK
  • Die US-Wirtschaft befindet sich weiterhin auf einem soliden Weg. Es wird ein Wachstum im Bereich von 2,5 % bis 3,0 % erwartet.
  • Angesichts des anhaltenden Inflationsdrucks sollten Anleger Unternehmen mit Preismacht und nachweislichem Dividendenwachstum in Betracht ziehen.
  • Seien Sie auf die durch die COVID-Varianten und die Zwischenwahlen ausgelöste Marktvolatilität vorbereitet.

Die US-Wirtschaft ist wieder stabil und offensichtlich auf dem Weg zu solidem Wachstum im Jahr 2022, was für die US-Finanzmärkte ermutigend sein sollte.


Dennoch kann man den Anlegern verzeihen, wenn sie sich für das kommende Jahr äußerst unsicher fühlen, so der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Darrell Spence.


„Wir sind in Bezug auf die Pandemie weit genug fortgeschritten, so dass die Wirtschaft nicht in Bedrängnis gerät“, sagt Spence, „aber COVID und die Reaktion darauf haben einige Verzerrungen verursacht – in den globalen Lieferketten, Arbeitsmärkten, Sektoren und sogar in der Politik.“


Er geht davon aus, dass sich das Wirtschaftswachstum in den USA im Jahr 2022 solide zeigen, jedoch um 2,5 % bis 3,0 % abschwächen wird, da die Wirtschaft mit nachlassenden Konjunkturmaßnahmen und Gegenwind durch die Inflation zu kämpfen hat. Obwohl es möglicherweise nicht mehr zu vollständigen Shutdowns der Volkswirtschaften kommen wird, könnten neu entstehende COVID-Varianten, beispielsweise Omikron, und andere Überraschungen das Wachstum weiter dämpfen.


„Die Dinge normalisieren sich, aber niemand von uns hat dies schon einmal erlebt. Es ist wichtig zu erkennen, dass es noch Dinge gibt, von denen wir nichts wissen“, fügt Spence hinzu.


Wird die US-Wirtschaft den Inflationsdruck überwinden?


Die wohl größten Fragen der Anleger beziehen sich auf die Inflation. Wie hoch wird sie steigen und wie lange wird sie anhalten?


Weder die Anleger noch die Vertreter der US-Notenbank hatten in den letzten drei Jahrzehnten mit nennenswerter Inflation zu kämpfen. Das hat sich im vergangenen Sommer geändert.


„Als die durch die Konjunkturmaßnahmen bedingte Nachfrage auf das aufgrund von COVID eingeschränkte Angebot traf, führte dies zu Verzerrungen in der Wirtschaft“, so Spence. „Und das führte dort, wo es Engpässe gab, zu schnell steigenden Preisen.“


Die Vertreter der US-Notenbank haben an der Auffassung festgehalten, dass die hohen Inflationsraten in den USA vorübergehender Natur sind und die Preise nachgeben sollten, sobald diese Verzerrungen korrigiert wurden. Spence geht jedoch davon aus, dass die Inflationsraten während des gesamten Jahres 2022 hoch bleiben werden.


„Ich bin nicht davon überzeugt, dass diese Verschiebungen grundlegende Veränderungen der Produktionskapazität der Wirtschaft bedeuten, daher gehe ich davon aus, dass sich die Inflation abschwächen wird. Es kann jedoch länger dauern, als die Vertreter der Fed erwarten, bis Angebot und Nachfrage wieder ins Gleichgewicht kommen.“


Aktien und Anleihen haben sich in Inflationsphasen gut entwickelt


Durchschnittliche jährliche Renditen bei unterschiedlichen Inflationsraten (1970–2021)


Quellen: Capital Group, Bloomberg Index Services Ltd., Morningstar, Standard & Poor's. Stand 31.10.21. Alle Renditen sind inflationsbereinigte Realrenditen. US-Aktienrenditen sind repräsentiert durch den Standard & Poor’s 500 Composite Index. Erträge von US-Anleihen gemessen am Ibbotson Associates SBBI U.S. Intermediate-Term Government Bond Index (1.1.1970–31.12.1975) und am Bloomberg U.S. Aggregate Bond Index (1.1.1976–31.10.2021). Die Inflationsraten werden durch die rollierenden Zwölfmonatsrenditen des Ibbotson Associates SBBI U.S. Inflation Index definiert.


Anleger, die sich Sorgen über die negativen Auswirkungen der Inflation auf ihre Portfolios machen, sollten Folgendes berücksichtigen: Auch in Zeiten höherer Inflation haben Aktien und Anleihen im Allgemeinen solide Renditen geliefert. Vor allem bei extremen Situationen – wenn die Inflation über 6 % beträgt oder im Negativbereich liegt – geraten die Finanzwerte in Schwierigkeiten.


Darüber hinaus kann eine gewisse Inflation für Unternehmen wie Banken und rohstoffgebundene Unternehmen, die in einer Welt niedriger Inflation und niedriger Zinsen Probleme hatten, von Vorteil sein.


Auch Aktien sind nicht preiswert, daher ist Selektivität entscheidend


Konsumgüter sind nicht die einzigen Dinge, die teuer erscheinen. Dank niedriger Zinssätze, einer entgegenkommenden Zentralbankpolitik und der Wiedereröffnung der Volkswirtschaften sind die meisten Aktien- und Anleiheklassen teuer geworden.


Die US-Aktienmärkte waren in der Zeit nach der Pandemie allgemein stark, was teilweise den robusten Unternehmensgewinnen zu verdanken war. Dennoch sind die Kurs-Gewinn-Verhältnisse, ein Maß dafür, wie teuer Aktien sind, im Vergleich zu den historischen Durchschnittswerten erhöht.


Deshalb ist eine sorgfältige Titelauswahl und Diversifizierung wichtiger denn je.


„Wir haben im vergangenen Jahr erlebt, dass eine Reihe von Aktien – von schnell wachsenden digitalen Titeln bis hin zu Papieren der Old Economy, die an die zyklische Erholung gebunden sind – immer teurer wurden“, sagt Aktienportfoliomanager Chris Buchbinder.


„In Anbetracht der Unsicherheit, mit der wir heute konfrontiert sind, versuche ich, ein Gleichgewicht in meinen Portfolios zu finden und Engagements in Unternehmen mit langfristigem Wachstumspotenzial einzugehen, wie z. B. bestimmten Giganten in den Bereichen E-Commerce, Streaming und digitaler Zahlungsverkehr, Unternehmen, die weiterhin an der zyklischen Erholung teilnehmen können, wie Flugzeugmotorenhersteller, und diejenigen mit langfristigem Wachstum und zyklischen Komponenten, wie der Automobilhersteller General Motors, dessen Abteilung Cruise ein führender Anbieter im Bereich der Technologie für selbstfahrende Autos ist.“


Dividenden erleben ein Comeback


Ein potenzieller Lichtblick für Anleger im Jahr 2022 ist das Universum der Dividendenpapiere.


Nach rekordverdächtigen Dividendenkürzungen und -aussetzungen während der Pandemie nehmen die Unternehmen ihre Dividendenzahlungen wieder auf, und einige Unternehmen mit Überschusskapital setzen Nachholdividenden fest.


„Heute sehe ich keinen Mangel an Möglichkeiten, in Unternehmen zu investieren, die Dividendenzahlungen wieder aufnehmen und sogar erhöhen“, sagt Wagner. „Da die Gewinnmargen in letzter Zeit beinahe Höchststände erreicht haben, können die Unternehmen trotz des Inflationsdrucks ihre Dividenden erhöhen.“


Natürlich sind nicht alle Dividendenzahler gleich. Wagner konzentriert sich nicht auf die Titel mit den höchsten Renditen, sondern auf die Unternehmen mit einem starken zugrunde liegenden Gewinnwachstum, die im Laufe der Zeit ihre Fähigkeit und Verpflichtung zur Erhöhung der Dividenden unter Beweis gestellt haben. Nehmen wir beispielsweise Halbleiterhersteller wie Broadcom, der seine jährliche Dividende in jedem der letzten fünf Jahre erhöht hat. Selbst während der Pandemie erhöhte das Unternehmen seine Dividende um mehr als 11 %, unterstützt durch eine rekordverdächtige Rentabilität. Solche dividendenstarke Titel haben aus historischer Perspektive i. d. R. bislang höhere Erträge erzielt als andere Dividendenstrategien. Gleichzeitig konnten sie auch recht gut mit dem breiteren Markt mithalten.


Unternehmen, die bedeutsame und wachsende Dividenden zahlen, sind in einer Reihe von Sektoren zu finden. Dazu gehören Gesundheitsdienstleister wie UnitedHealth Group und Telekommunikationskonzerne wie Comcast.


Die Zwischenwahlen dürften die Märkte bewegen


Die Anleger sollten die Zwischenwahlen im November bedenken, auch wenn diese noch sehr weit weg scheinen. In der Vergangenheit hatten Wahlen kaum Auswirkungen auf die langfristige Richtung der Märkte, sie verursachen jedoch in den Wahljahren tendenziell eine gewisse Volatilität.


„Ich glaube nicht, dass es dieses Jahr anders sein wird“, sagt Buchbinder. „Ich erwarte nicht, dass das Ergebnis die Anlageergebnisse wesentlich in die eine oder andere Richtung beeinflussen wird. Es kann einige Unebenheiten geben, und die Anleger sollten sich während des Jahres auf kurzfristige Volatilität einstellen.“


Tatsächlich zeigt eine Analyse der Aktienrenditen in über 90 Jahren, dass die Aktien in Zwischenwahljahren in den ersten Monaten tendenziell niedrigere durchschnittliche Renditen und eine höhere Volatilität aufweisen. Da die Umfrageergebnisse besser vorhersagbar werden, kehrt sich dieser Trend häufig um, und die Märkte sind tendenziell zu ihrem normalen Aufwärtstrend zurückgekehrt. Dies sind jedoch nur Durchschnittswerte, daher sollten Anleger nicht versuchen, den perfekten Zeitpunkt für den Markteinstieg zu finden.


Seien Sie in diesem Zwischenwahljahr auf Volatilität an den Aktienmärkten vorbereitet


Durchschnittliche Renditen des S&P 500 Index seit 1931


Quellen: Capital Group, RIMES, Standard & Poor's. Das Diagramm zeigt den durchschnittlichen Verlauf der Aktienrenditen während der Zwischenwahljahre im Vergleich zu den Jahren ohne Zwischenwahlen. Jeder Punkt in den Linien stellt die durchschnittliche Rendite seit Jahresbeginn für diesen Monat und Tag dar und wird anhand der täglichen Kursrenditen vom 01.01.1931 bis 31.10.2021 berechnet.



Darrell Spence ist Volkswirt bei der Capital Group. Er hat 28 Jahre Investmenterfahrung, alle in unserem Unternehmen. Er hat einen Bachelor in Volkswirtschaft vom Occidental College. Außerdem ist er Chartered Financial Analyst® (CFA) und Mitglied der National Association for Business Economics. Spence arbeitet in Los Angeles.

Diana Wagner ist eine Aktienportfoliomanagerin mit 23 Jahren Anlageerfahrung. Sie besitzt einen MBA von der Columbia Business School und einen Bachelor-Abschluss in Kunstgeschichte von der Yale University.

 

Chris Buchbinder ist Aktienportfoliomanager und hat 25 Jahre Investmenterfahrung. Er hat einen Bachelor-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften und internationalen Beziehungen der Brown University.


Learn more about
USA
US-Aktien
Inflation
Dividenden