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Marktvolatilität
Kontrollierte Inflation in Schwellenländern und höhere Realrenditen sprechen für einen relativen Wert der lokalen Märkte
Kirstie Spence
Portfolio-Manager für Anleihen

Der jüngste Anstieg der Rohstoffpreise hat die weltweit zu beobachtende Inflationsbeschleunigung, die auf die pandemiebedingten Störungen der globalen Lieferketten zurückzuführen ist, weiter verstärkt. Noch vor einigen Monaten war erwartet worden, dass die Inflationstreiber vorübergehender Natur sein würden. Jetzt aber sieht es so aus, als würde die Inflation trotz des Drucks bei Realeinkommen und Wirtschaftsaktivität für längere Zeit auf einem höheren Niveau bleiben. 


Eine interessante Beobachtung ist der Unterschied zwischen Industrie- und Schwellenländern, sowohl was die Auswirkungen als auch die Reaktion auf die Inflation betrifft. Die Zentralbanken der entwickelten Märkte waren in den letzten zehn Jahren damit beschäftigt, die Inflation auf den Zielwert zu bringen, während die Zentralbanken der Schwellenmärkte überwiegend ihre langfristigen Bestrebungen zur Inflationssenkung fortgesetzt haben. Die jüngste Vergangenheit war – und das ist ungewöhnlich – dadurch charakterisiert, dass die Inflation in Schwellenländern relativ stärker kontrolliert war als die der entwickelten Märkte (DM), wie in der nachfolgenden Grafik dargestellt. 


Die Inflation in Schwellenländern ist weniger stark gestiegen als in den USA

Kerninflation (im Jahresvergleich in %)

Stand: 30. April 2022. Die Inflation in Schwellenländern wird anhand des JPMorgan GBI-EM Global Diversified Index gewichtet. Die Inflation in den USA basiert auf dem CPI Urban Consumers Less Food and Energy Index. Die Kerninflation ist die Preisänderung bei Waren und Dienstleistungen, mit Ausnahme der Preise im Nahrungsmittel- und Energiesektor. Quelle: Bloomberg

Hierfür gibt es zwei zentrale Gründe. Zum einen stehen Schwellenländer vor einer schwächeren Konjunkturerholung, zum anderen waren die Zentralbanken der Schwellenländer
bei Zinserhöhungen proaktiver. 


Schwellenmärkte weiterhin vor schwacher Konjunkturerholung


Die Bruttoinlandsprodukte (BIP) der Schwellenländer sind ebenso wie in Industrieländern während der Pandemie stark zurückgegangen, was wiederum zu großen Output-Lücken (Unterschied zwischen dem tatsächlichen BIP und dem potenziellen BIP) geführt hat. Darüber hinaus ist die Erholung in Schwellenländern deutlich hinter der Erholung in Industrieländern zurückgeblieben, was zum Teil auf geringere öffentliche Ausgaben sowie auf geringere Impfraten gegen COVID zurückzuführen ist. Eine schwache wirtschaftliche Erholung/Output-Lücken gehen üblicherweise mit niedrigeren Inflationsraten einher. 


Politische Entscheidungsträger in Schwellenländern begannen früher mit Zinserhöhungen als die Zentralbanken der Industrieländern


Im Durchschnitt haben die Zentralbanken der Emerging-Markets ihre Leitzinsen aktiver erhöht als die Zentralbanken der Industrieländer – trotz der schwachen Binnenwirtschaft. Dies hat mehrere Gründe.


Quelle: Bloomberg

1. Der Anstieg der Rohstoffpreise trifft einige Schwellenländer stärker als Industrieländer


Während sich die Inflation auf Verbraucher weltweit auswirkt, hat der jüngste Anstieg der Rohstoffpreise enorme Auswirkungen auf viele Schwellenländer. Insbesondere die Lebensmittelpreise haben stark angezogen, da Russland und die Ukraine weltweit gesehen sehr wichtige Exporteure von Nahrungsmitteln sind. Nahrungsmittel sind in vielen Schwellenländern die größte Einzelkomponente der Inflationskörbe1. Einige Schwellenländer, insbesondere Lateinamerika, waren jedoch vor dem Anstieg der globalen Lebensmittelpreise etwas geschützt, da sie einen Großteil ihrer Nahrungsmittel lokal produzieren und in einigen Fällen weniger von Weizen/Getreide abhängig sind.


2. Zentralbanken in Schwellenländern müssen mehr tun, um ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis zu stellen und zu verhindern, dass sich Inflationserwartungen verfestigen


Wenngleich viele der Inflationsursachen als vorübergehend erscheinen könnten (Nahrungsmittel, Energie, Lieferengpässe aufgrund der Pandemie usw.), steigen die Inflationserwartungen und das Verhalten ändert sich, sobald die Inflation sich in andere Bereiche auszuweiten beginnt. In Schwellenländern kann dies schneller geschehen als in Industrieländern, da die meisten Schwellenländer keine Historie niedriger Inflation aufweisen. 


3. Zentralbanken der Schwellenländer sind an Inflationszyklen gewohnt, daher können politische Entscheidungsträger die Zinssätze umfassender nutzen, um Inflationsprobleme anzugehen


Die Tatsache, dass die meisten Zentralbanken in Schwellenländern während der Pandemie keine quantitative Lockerung2 vorgenommen haben, bedeutet, dass die Zentralbanken der Schwellenländer im Gegensatz zu den Zentralbanken der Industrieländer die Zinssätze umfassender nutzen können, um die inflationsbedingten Herausforderungen anzugehen


4. Höhere Zinsen schützen die Schwellenländer vor Kapitalabflüssen, wenn die Fed beginnt, die Zinsen anzuheben


Schwellenländer leiden in Phasen steigender US-Zinsen häufig unter Kapitalabflüssen, da höhere US-Zinsen generell eine engere Zinsdifferenz zu Schwellenländern bedeuten, was die Kompensation reduziert, die Investoren für das mit Schwellenländern einhergehende Risiko erhalten. Daher müssen Zentralbanken in Schwellenländern in Erwartung von Maßnahmen der US-Notenbank (Fed) bei Zinserhöhungen immer einen Schritt voraus sein. 


Proaktive Zentralbanken in Schwellenländern haben für größere Unterschiede bei Realrenditen gesorgt 


Die Beschleunigung der Zinserhöhungen durch die Zentralbanken in Schwellenländern hat die Unterschiede3 zwischen nominalen und realen Zinsen zwischen den Schwellenländern und den USA in die Höhe getrieben, wie in der nachfolgenden Grafik dargestellt, und die Realrenditen sind nun in Schwellenländern überwiegend positiv.


Realrenditen in Schwellenländern – Abstand nimmt zu

Realrenditen in Schwellenmärkten minus US-Realrenditen

Die Ergebnisse der Vergangenheit sind keine Garantie für künftige Ergebnisse.

Stand: 26. April 2022. Die Renditen der Schwellenländer werden anhand der JPMorgan Government Bond Index-Emerging Markets Broad Indizes berechnet. Die US-Rendite ist der generische Bloomberg 5-Jahres-Index. Die Inflation ist der Kern-VPI für die einzelnen Länder. Quellen: Berechnungen von Bloomberg und Capital Group 

Realrenditen sind in Schwellenländern überwiegend positiv

Realrenditen der Schwellenländer

Stand: 26. April 2022. ZA = Südafrika, ID = Indonesien, CO = Kolumbien, PE = Peru, BZ = Brasilien, MY = Malaysia, MX = Mexiko, CN = China, RO = Rumänien, TH = Thailand, UY = Uruguay, PH = Philippinen, DR = Dominikanische Republik, PL = Polen, CL = Chile, HU = Ungarn, CZ = Tschechische Republik, US = Vereinigte Staaten, DE = Deutschland. Quelle: Bloomberg

Wir sind der Ansicht, dass die meisten Schwellenländer angesichts überwiegend solider Fundamentaldaten in einer relativ starken Position sind, um die bevorstehenden Herausforderungen zu meistern. Schwellenländeranleihen in lokaler Währung sind angesichts der hohen Realrenditeunterschiede attraktiv. Angesichts des Ausgangssituation für die Wechselkurse in Schwellenländern und der wahrscheinlich guten Wachstumsergebnisse in den meisten Schwellenländern dürften Schwellenmarktwährungen in diesem Jahr einen positiven Beitrag zur Gesamtrendite leisten.


 


1. Stand der Daten: 6. März 2022. VPI: Verbraucherpreisindex. Der Inflationskorb bezieht sich auf eine Reihe von Verbraucherprodukten und Dienstleistungen, deren Preis regelmäßig zur Ermittlung der Inflation bewertet wird. Quelle: Morgan Stanley
2. Die quantitative Lockerung erfolgt, wenn die Zentralbanken umfangreiche Käufe von Finanzanlagen tätigen, um die Geldmenge zu erhöhen. Dies hilft, die Zinssätze zu senken und damit das Wirtschaftswachstum anzukurbeln.
3. Ein Realzinssatz ist bereinigt, um die Inflationseffekte zu eliminieren, und gibt den Realzinssatz einer Anleihe oder eines Darlehens an. Ein Nominalzinssatz bezieht sich auf den Zinssatz vor Berücksichtigung der Inflation.



Kirstie Spence ist Portfoliomanagerin für Anleihen mit Spezialisierung auf, Schwellenländer. Sie verfügt über 23 Jahre Anlageerfahrung und hat einen Master-Abschluss mit Auszeichnung in Deutsch und internationalen Beziehungen von der University of St. Andrews, Schottland


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